Ein Wandbild als Widerspruch
In den 1980er-Jahren war der Hunsrück ein Brennpunkt des Kalten Krieges. Auf dem Gelände der NATO-Raketenbasis Pydna zwischen Bell und Hasselbach sollten 96 mit Atomsprengköpfen bestückte Marschflugkörper stationiert werden (ausführlich dazu: Pydna – die Cruise Missiles im Hunsrück). Der Protest dagegen prägte die Region über Jahre: Mahnwachen, Friedensgebete, Ostermärsche, Sitzblockaden, Widerstandscamps.
Im Vorfeld der bundesweiten Großdemonstration am 11. Oktober 1986 kam die „Wandmalgruppe Düsseldorf“ in den Hunsrück. Auf einer Scheune der Familie Kneip am Ortseingang von Bell entstanden drei großflächige Wandbilder – gut sichtbar für jeden, der über die Straße kam. Initiiert und organisiert hatte das Vorhaben Benno Kisters, ein Friedensaktivist, dem zum politischen Protest stets auch ein künstlerischer Einfall einfiel.
Warum eine Kuh?
Das Motiv der Giebelseite ist so schlicht wie unvergesslich: Eine Kuh nimmt eine Rakete auf die Hörner, zu ihren Füßen liegen zerbrochene Marschflugkörper im Gras. Kein Symbol aus dem Repertoire der Großstadtpolitik, sondern eines aus der eigenen Landschaft – die Wut über die Aufrüstung, ausgedrückt mit den Mitteln des Dorfes. Genau darin liegt die Kraft des Bildes: Es zeigt, dass der Widerstand gegen die Atomwaffen im Hunsrück nicht importiert war, sondern hier zu Hause.
Zusammen mit den beiden anderen gestalteten Wänden steht die Raketenkuh für den Zorn über die Stationierung der Atomwaffen in Deutschland – und für die tödlichen Gefahren, die im atomaren Winter gipfeln.
Vom Protestbild zum Denkmal
Die Raketen sind längst abgezogen, die Pydna ist heute vor allem als Festivalgelände bekannt. Das Bild aber blieb – und verblasste. 1997 wurde es ein erstes Mal mit Hilfe Hunsrücker Jugendlicher und vieler Sponsoren aufgefrischt. Bis Anfang der 2010er-Jahre war das Mahnmal erneut deutlich in die Jahre gekommen: Schäden an Dach, Wänden und Toreinfahrt, die Farben auf zwei Wänden fast vollständig verschwunden.
Vor knapp zwei Jahrzehnten hätte man ein solches Bauwerk vermutlich einfach verfallen lassen. Inzwischen ist der Blick ein anderer: Beim Tag des offenen Denkmals 2013 war die Raketenkuh Teil des offiziellen Programms, und die Generaldirektion Kulturelles Erbe bezeichnete sie als ein ganz ungewöhnliches kulturhistorisches Mahnmal. Ein Wandbild aus der Protestbewegung, das im Denkmalprogramm eines Bundeslandes auftaucht – das ist selten.
„Rettet die Raketenkuh“
Ende 2012 rief die Hunsrücker Friedensbewegung deshalb ein Projekt ins Leben, um das Mahnmal zu erhalten. Getragen wurde es vom Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung unter dem Vorsitz von Heidrun Kisters. Es wurden Spenden gesammelt, Unterstützer gesucht – und gefunden.
Im Frühjahr und Frühsommer 2014 wurde zunächst die Scheune selbst instand gesetzt: Dach, Wände und Toreinfahrt. Erst danach konnten die Bilder erneuert werden.
Eine Schulklasse als Restaurierungswerkstatt
Den professionellen Anstrich der Frontseite übernahm im Sommer 2014 eine dreizehnköpfige Schülergruppe der IGS Kastellaun unter der Leitung der Kunstlehrerin Nicola Schnier – während der Projekttage unter dem Motto „Zeitreise“. Die Gruppe orientierte sich eng an der ursprünglichen Farbgebung von 1986. Auch die fast völlig verblassten Wandbilder auf den beiden anderen Außenwänden wurden wiederhergestellt.
Damit war aus der Rettung eines Bildes ein Stück Bildungsarbeit geworden: Jugendliche, die 1986 noch nicht geboren waren, haben sich über Wochen mit einem Konflikt beschäftigt, den ihre Großeltern vor der Haustür erlebt haben – und zwar mit dem Pinsel in der Hand.
Der Abschluss: 24. September 2014
Am 24. September 2014 wurde der Abschluss des Projekts gefeiert – zunächst an der Scheune selbst, danach im BellVue in Bell. Das Fest war ausdrücklich als Dank gedacht: an die Spenderinnen und Spender, an die Sponsoren und an die Schülerinnen und Schüler der IGS Kastellaun.
„Das Projekt ‚Rettet die Raketenkuh‘ ist fertiggestellt, und wir denken, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann.“
Heidrun Kisters ließ keinen Zweifel daran, wem der Erfolg zu verdanken war: „Ohne die künstlerische Anleitung und Umsetzung von Nicola Schnier wäre das alles nicht gelungen.“ Und weiter: „Durch diesen großen Einsatz von vielen Menschen wird die Raketenkuh noch viele Jahre ein Mahnmal des Kalten Krieges und gegen die atomare Aufrüstung weltweit erhalten bleiben.“
Ein Jahr später wurde die Scheune zum Tag des Denkmals 2015 als „das besondere Denkmal“ benannt. Auch der Wikipedia-Eintrag zur Raketenbasis Pydna führt die Raketenkuh heute als Teil der Erinnerungslandschaft.
Warum die Andarta Stiftung dieses Projekt gefördert hat
Die Satzung der Andarta Stiftung nennt Bildung, Forschung, Kunst und Denkmalschutz in einem Atemzug. Selten treffen diese vier Zwecke so genau in einem Vorhaben zusammen wie hier: ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, ein Denkmal der jüngeren Zeitgeschichte, instand gesetzt in einem Schulprojekt und gesichert durch bürgerschaftliches Engagement.
Dazu kommt eine persönliche Verbindung. Stiftungsgründer Günter Felix engagierte sich von Anfang an in der Hunsrücker Friedensbewegung; die Ostermärsche und Großdemonstrationen jener Jahre gehörten zu seinem Leben. Heidrun Kisters, die das Rettungsprojekt als Vereinsvorsitzende geleitet hat, gehört heute dem Kuratorium der Andarta Stiftung an. Und auch Mitglieder des Vorstands waren den Ereignissen, an die dieses Bild erinnert, unmittelbar verbunden. Die Förderung war insofern keine Entscheidung aus der Distanz, sondern die Fortsetzung einer eigenen Geschichte mit anderen Mitteln.
Hinsehen und hinfahren
Die Scheune der Familie Kneip steht am Ortseingang von Bell und ist von der Straße aus zu sehen. Wer sich weiter mit der Geschichte befassen möchte, findet im Haus der regionalen Geschichte eine Ausstellung zum Kalten Krieg; auf und um die Pydna gibt es weitere Gedenkorte zur Stationierung der Mittelstreckenraketen.
Informationen
Heidrun Kisters, Kirchberg · Telefon 06763 4614
heidrun.kisters@t-online.de
www.fi-hunsrueck.de
Hintergrund zur Raketenbasis: Pydna – die Cruise Missiles im Hunsrück (pydna.de) · Pydna (Raketenbasis) bei Wikipedia
Weiteres zur Hunsrücker Friedensbewegung auf dieser Seite: Zeitzeugen – Kalter Krieg und Friedensbewegung im Hunsrück und das Videoarchiv der 1980er-Jahre.
Mit Angaben des Vereins für friedenspolitische und demokratische Bildung und der Friedensinitiative Rhein-Hunsrück sowie von pydna.de.